Was steckt hinter dem neuen Antisemitismus in Deutschland

http://www.nytimes.com/2014/09/17/opinion/jochen-bittner-whats-behind-germanys-new-anti-semitism.html?ref=world&_r=2

16.09.2014
von Jochen Bittner

HAMBURG, Deutschland – Europa wird von einer neuen Welle des Antisemitismus heimgesucht. Der Präsident des Zentralrates der Juden in Deutschland bezeichnete dies als das Schlimmste, was der Kontinent seit dem Zweiten Weltkrieg erfahren hat. Er könnte mit dieser Einschätzung durchaus richtig liegen. Angriffe auf Synagogen sind ein fast wöchentliches Phänomen geworden, und offen antisemitische Rufe oder Gesänge sind auf gut besuchten Demonstrationen von London bis Rom auf der Tagesordnung. Dennoch ist gerade hier in Deutschland auf Grund der historischen Vergangenheit dieser Anstieg des Antisemitismus natürlich ganz besonders schmerzvoll.

Am Sonntag marschierten als Reaktion darauf Tausende von Menschen durch Berlin und hörten, wie sowohl Bundeskanzlerin Angela Merkel, als auch Bundespräsident Joachim Gauck das Wiederaufleben des antijüdischen Hasses verurteilten.

Wir haben dies natürlich zuvor auch schon gesehen. Aber dieses Mal gibt es einen wichtigen Unterschied. Der neue Antisemitismus kommt typischerweise nicht allein aus den Reihen der rechtsextremen Neonazi. Die schlimme Wahrheit, die viele in Europa einfach nicht wahrhaben wollen, besteht darin, dass ein erheblicher Anteil der antijüdischen Feindseligkeit auf das Konto von europäischen Bürgern mit muslimischem Hintergrund geht.

Bis vor kurzem war Deutschland nicht bereit, diesen Trend zu thematisieren. Die Deutschen haben den muslimischen Antisemitismus immer als weniger problematische Version des „Originals“ angesehen, und sie lenkten damit von dem bekannten Problem der antijüdischen Stimmung innerhalb der Mehrheit der Gesellschaft ab.

Nichtsdestotrotz verzeichnet die deutsche Polizei einen beunruhigenden Anstieg der Zahl von Menschen arabischer und türkischer Herkunft, die wegen des Verdachts auf antisemitische Handlungen in den letzten Jahren festgenommen wurden, vor allem in den letzten Monaten. Nachdem außerdem ein alarmierender Anstieg der antisemitischen Stimmung auch unter Schülern mit Migrationshintergrund festgestellt wurde, denkt die Bundesregierung über die Einrichtung eines Sonderfonds für Holocaust-Aufklärungsarbeit nach.

Natürlich geht der Antisemitismus nicht allein von Europas Muslimen aus, und sie sind heutzutage auch nicht der einzige Befürworter. Der traditionelle Antisemitismus der europäischen Rechtsextremen besteht weiter. Ebenso ist der Antisemitismus auch im extrem linken Spektrum zu finden als ein negatives Nebenprodukt der Sympathie für den palästinensischen Befreiungskampf. Es gibt auch einen Antisemitismus der Mitte, sozusagen als Beiwerk eines teilweise unbedachten Antiamerikanismus und Antikapitalismus, zu dem sich viele sonst eher moderate Europäer bekennen.

Aber für die jüngste Veränderung im Ton des Hasses in Deutschland ist ganz klar der aufstrebende muslimische Antisemitismus verantwortlich. Bis vor kurzem war der Antisemitismus des Landes weitgehend verschleiert und anonymisiert. Entsprechende Botschaften wurden zumeist in der Nacht heimlich an Wände gesprüht, aber am Tage waren eher selten solche Schreie zu hören, wie jene von den Demonstranten in Berlin im Juli dieses Jahres: „Juden in die Gaskammer!“ Ein weiterer beliebter Slogan auf diesen und anderen Kundgebungen war: „Jude, du feiges Schwein, komm heraus und kämpfe allein“. Diese Rufe erklangen nur wenige Meter vom zentralen Holocaust-Mahnmal in Berlin. Und das ist heutzutage auch der entscheidende Unterschied: Ein Antisemitismus, der nicht nur mit Feuer und Leidenschaft bekundet wird, sondern der sich auch völlig gleichgültig zeigt gegenüber dem besonderen geschichtlichen intergrund in DeutschlandHintergrund in Deutschland.

Nach einem Gespräch mit muslimischen Freunden musste ich einfach zu der Erkenntnis kommen, dass die Dreistigkeit des heutigen Antisemitismus zum Teil auch die Folge der Ausnutzung einer „Opferrolle“ ist, dieses Gefühl des Außenseitertums und der Benachteiligung, das viele europäische Muslime in starkem Maße verinnerlicht haben. Dies ist jedoch nicht einfach nur eine Form der sozialwissenschaftlichen Erklärung, die wir oft im Zusammenhang mit Hass hören, wonach der Rassismus aus Menschen erwächst, die selbst Opfer von Rassismus und Diskriminierung geworden sind.

Ja, es gibt natürlich Diskriminierung und Ausgrenzung von Muslimen in Europa, und viele von ihnen haben sicherlich allen Grund, frustriert zu sein. Aber die Ursachen für die aktuelle Stimmung sind sehr viel komplexer. Es geht dabei nicht nur darum, was jemand in Bezug auf sich selbst und sein persönliches Umfeld empfindet, sondern auch, was jemand in Bezug auf sich selbst und sein Land empfindet. Dabei geht es um zweierlei: Deutschlands Geschichte ist nicht meine Geschichte, und: Ich werde sowieso nie ganz zu dieser Nation gehören, also warum sollte ich, wie alle anderen, die Lasten tragen?

Eine Freundin, dessen Eltern aus der Türkei stammen, berichtete mir über ihren Unterricht an ihrer deutschen Schule. Wenn sie etwas über den Holocaust gelernt hätten, dann habe sie sich immer gefragt, was dies wohl alles mit ihrer Biografie zu tun habe. Mit meinem Geburtsjahr 1973 könnte ich mir durchaus die gleiche Frage stellen, auch wenn ich blonde Haare habe.

Aber der Punkt ist doch: Es geht nicht darum, ob wir persönlich involviert waren; es geht auch nicht um unser Blut oder um unsere Abstammung, aber es ist Teil unserer Geschichte in der Zeitschiene eines Ortes bzw. eines Landes, und auch die Migranten sind Teil dieses Landes. Für Deutsche, die ihre Verantwortung für den Holocaust annehmen, bedeutet es, dass sie, im Grunde mehr als jeder andere Bürger aus anderen Nationen, die Erinnerung an diese schreckliche Zeit am Leben halten müssen – einfach, weil diese Verbrechen von unserem Boden aus begangen wurden.

Nicht mehr, aber auch nicht weniger hat man von jedem Bürger dieses Landes zu erwarten, egal aus welchem Land ihre oder seine Eltern stammen.

Was in diesem Sommer unübersehbar war, das ist die Tatsache, dass die „alten“ Deutschen es immer noch nicht geschafft haben, diese Botschaft an alle „neuen“ Deutschen in einer richtigen Art und Weise weiterzugeben. Rein vom Gefühl her mag man dafür Verständnis haben, da viele ethnisch Deutsche, wir nennen sie mitunter auch „Bio-Deutsche“, tatsächlich Nazi-Mitglieder in ihrer Familie hatten, die sie zum Teil noch persönlich kannten, weswegen sie auch nur sehr zögerlich anderen das erzählen wollen, was sie eigentlich erfahren müssen.

Aber die Lektion des Holocaust ist eine Lektion für die gesamte Menschheit. Und jeder Deutsche hat die Aufgabe, dies zu allen Zeiten und gegenüber allen Menschen deutlich zu machen, unabhängig davon, von wem man ursprünglich abstammt.

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